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Gegen den Wind – oder wie ich heute aufgehört habe, alles zu tragen

Autorenbild: Dr. Verena Müller-Wieprecht
Dr. Verena Müller-Wieprecht
27. Okt.
2 Min. Lesezeit

Heute war der Wind stärker als gedacht. Nicht nur ein bisschen. Sondern so, dass er einen aus dem Gleichgewicht bringen kann. Böen bis 80 km/h, sagte später die Wetter-App. An der Küste fühlt sich das anders an als auf einer geschützten Wiese. Wir waren unterwegs auf unserer Etappe. Weite Landschaft, offene Flächen, der Blick zum Meer. Und gleichzeitig hatte der Tag schon begonnen mit Schwere. Eine Nachricht von meinem Sohn am frühen Morgen. Ein Traum, in dem ich gestorben war. So viel, was gerade im Leben passiert – Abschiede, Krankheit, Trennung, Verlust. Ich habe geantwortet, wie ich es kann. Warm. Haltend. Wahr. Und gleichzeitig war da schon etwas in mir, das gearbeitet hat.


An der Küste Portugals unterwegs
An der Küste Portugals unterwegs

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Später standen wir an der Klippe. Der Wind kam von der Seite. Nicht konstant, sondern in Böen. Er hat mich erfasst, mich aus dem Gleichgewicht gebracht – nicht nur körperlich. Ich merkte, wie etwas kippt. Ich musste einen Bogen laufen, um mich zu stabilisieren. Und dann ging es nicht mehr. Ich blieb stehen. Ich musste mich hinsetzen. Und dann kamen die Tränen. Nicht leise. Nicht kontrolliert. Sondern einfach da. Ich habe geweint. Lange. Irgendwann habe ich mich zu Marcus durchgekämpft, mich hingelegt, an ihn angelehnt, weiter geweint. Es war zu viel.

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Wir sind umgedreht. Haben einen anderen Weg gesucht, weg von den Klippen. Haben uns später in die Sonne gelegt, nichts mehr gemacht. Ein Taxi gerufen. Ich konnte nicht mehr weitergehen. ⸻

Im Nachhinein ist es leicht zu sagen: Der Wind war stark. Die Situation war herausfordernd. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die andere ist: Da war schon viel in mir. Und vielleicht war dieser Moment an der Klippe einfach der Ort, an dem ich es nicht mehr halten konnte.

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Ich habe heute aufgehört, alles tragen zu wollen. Nicht, weil ich es nicht könnte. Sondern weil mein Körper mir gezeigt hat, dass es gerade zu viel ist. Ich habe Dinge abgegeben. Marcus hat sich um den Rückflug gekümmert. Ich habe mich gesetzt. Ich habe geweint. Und ich habe gemerkt: Nichts davon ist ein Scheitern.

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Später habe ich einen Text auf Instagram gelesen. Dass Gefühle, die benannt werden, das Nervensystem beruhigen. Dass es nicht darum geht, sie wegzumachen, sondern ihnen Raum zu geben. Ich glaube, heute habe ich das nicht verstanden – sondern erlebt.

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Vielleicht ist das die leise Erkenntnis dieses Tages: Wahre Ruhe entsteht nicht, weil nichts Schweres da ist. Sondern weil wir aufhören, es alleine tragen zu wollen.

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