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Mehr als tausend Gräber – brauchen wir wirklich ein Machtwort?

Autorenbild: Dr. Verena Müller-Wieprecht
Dr. Verena Müller-Wieprecht
vor 3 Minuten
5 Min. Lesezeit

Wir sind im Urlaub in Dinant.


Am Morgen machen wir uns auf den Weg. Eine Wanderung durch den Wald, hinauf zur Zitadelle. Es ist schön dort. Grün, still, ein Weg, auf dem man geht, schaut, spricht und irgendwann oben ankommt.


Und dann stehen wir plötzlich auf einem Soldatenfriedhof.


Soldatenfriedhof in Dinant, Belgien
Soldatenfriedhof in Dinant, Belgien


Mehr als tausend französische Soldaten sind hier begraben. Die meisten von ihnen starben während der Kämpfe um Dinant im August 1914. Mehr als tausend Menschen. Mehr als tausend einzelne Leben. Ich stehe vor diesen Gräbern und denke einen sehr einfachen Satz: Ich hasse Krieg. Ich finde Krieg vollkommen bescheuert.


Vielleicht klingt das angesichts all der historischen, politischen und militärischen Zusammenhänge zu schlicht. Kriege haben Ursachen. Es gibt Interessen, Bündnisse, Bedrohungen, Gebietsansprüche, Ideologien und lange Vorgeschichten. Man kann sie analysieren, einordnen und erklären.


Aber vor mehr als tausend Gräbern bleibt in mir trotzdem dieser eine Gedanke: Wie vollkommen überflüssig.


Marcus erinnert sich an ein Zitat, das Paul Valéry zugeschrieben wird:

„Krieg ist ein Massaker von Menschen, die sich nicht kennen, zum Nutzen von Menschen, die sich kennen, aber nicht gegenseitig umbringen.“


Während ich zwischen den Gräbern stehe, lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los.

Menschen, die einander nicht kennen. Die sich persönlich nichts getan haben. Die vielleicht keinen Grund hatten, einander zu hassen. Und die sich trotzdem gegenseitig töten, weil andere entschieden haben, dass nun gekämpft werden muss.


Andere haben ein Machtwort gesprochen.

Da muss doch mal jemand ein Machtwort sprechen. Dieser Satz ist uns vertraut. Da muss doch jetzt mal einer entscheiden. Da muss einer sagen, wo es langgeht. Alle reden nur, aber keiner macht etwas. Jetzt ist Schluss mit den endlosen Diskussionen.


Der Wunsch dahinter ist verständlich. Verständigung kann anstrengend sein. Unterschiedliche Interessen miteinander in Beziehung zu bringen, dauert. Vereinbarungen müssen ausgehandelt, Entscheidungen begründet und manchmal wieder verändert werden.


Demokratische Prozesse sind oft langsam. Sie können unübersichtlich und frustrierend sein. Manchmal entsteht der Eindruck, dass viel gesprochen und wenig entschieden wird.

Ein Machtwort verspricht Erleichterung. Einer entscheidet. Die Unsicherheit ist beendet. Es gibt eine Richtung. Und vielleicht müssen die anderen für einen Moment nicht mehr selbst ringen, abwägen und Verantwortung übernehmen.


Doch was genau rufen wir herbei, wenn wir nach einem Machtwort verlangen?

Autorität ist nicht zwingend identisch mit Machtautorität


Die Gedanken Thomas Gordons zu unterschiedlichen Formen von Autorität geben mir eine Sprache für diese Frage.


Menschen können Autorität besitzen, weil sie über Erfahrung oder besonderes Wissen verfügen. Jemand kann innerhalb einer Gemeinschaft mit einer bestimmten Aufgabe und der dazugehörigen Verantwortung betraut werden. Autorität kann auch aus einer Vereinbarung entstehen: Wir haben uns gemeinsam darauf verständigt, dass diese Person innerhalb eines bestimmten Rahmens entscheiden darf.



Solche Formen von Autorität haben Grenzen.

Sie beruhen auf Erfahrung, Vertrauen, Zuständigkeit oder einer gemeinsamen Vereinbarung. Der Rahmen kann besprochen und später überprüft werden. Wir können fragen: Trägt diese Vereinbarung noch? Ist die Zuständigkeit weiterhin sinnvoll? Wird die übertragene Verantwortung in einer Weise wahrgenommen, die dem gemeinsamen Anliegen dient? Auch dabei entscheidet nicht immer jeder alles mit. Und auch dabei kann es klare Führung geben. Aber diese Autorität ist begründet und begrenzt. Sie muss nicht mit Gewalt durchgesetzt werden.


Machtautorität funktioniert anders.

Sie beruht letztlich darauf, dass jemand seinen Willen gegen andere durchsetzen kann. Vielleicht durch sozialen Druck oder emotionalen Entzug. Vielleicht durch den Ausschluss aus einer Gemeinschaft. Vielleicht durch wirtschaftliche oder politische Sanktionen. Und in ihrer äußersten Form durch körperliche Gewalt.


Der Mächtigere kann sagen: Du tust, was ich verlange, weil ich dich andernfalls bestrafen kann. Im Krieg wird dieses Prinzip in seiner radikalsten Form sichtbar. Und trotzdem sehnen sich Menschen immer wieder nach genau dieser Eindeutigkeit. Vielleicht nicht nach der Gewalt selbst. Aber nach der Entlastung, die das Machtwort zunächst verspricht.


Wenn jemand anders entscheidet, muss ich die Unsicherheit nicht länger aushalten. Ich muss mich nicht mehr mit widersprüchlichen Interessen beschäftigen. Ich muss nicht mehr darum ringen, was richtig sein könnte. Ich kann mich auf die Seite dessen stellen, der Stärke ausstrahlt, und mich vielleicht selbst ein wenig stärker fühlen.


Macht kann offenbar geliehen werden.


Wer sich mit dem vermeintlich Mächtigeren identifiziert, erlebt dessen Stärke ein Stück weit als die eigene. Ein starker Anführer, eine starke Nation, eine überlegene Armee: Das kann Sicherheit, Zugehörigkeit und Bedeutung versprechen.

Doch Macht muss immer wieder zeigen, dass sie Macht ist.


Nachgeben kann dann als Schwäche erscheinen. Zuhören wirkt wie Unsicherheit. Eine Korrektur wird zum Gesichtsverlust. Also wird gedroht, aufgerüstet und mit dem Säbel gerasselt. Die andere Seite reagiert ebenfalls, weil auch sie keine Schwäche zeigen darf.

Irgendwann scheint es auf beiden Seiten wichtiger zu sein, wer der Mächtigere ist, als die Frage, wie Menschen miteinander weiterleben können.


Und am Ende gibt es einen Soldatenfriedhof.


Ist Krieg das Versagen von Diplomatie? Vielleicht manchmal. Vielleicht wurde zu lange nicht zugehört. Vielleicht wurden Erfahrungen von Demütigung, Bedrohung oder Kränkung nicht ernst genommen. Vielleicht hat jede Seite irgendwann nur noch ihre eigene Geschichte gehört.


Aber nicht jeder Krieg beginnt, weil Verständigung versehentlich misslungen ist. Manchmal will jemand gar keine Verständigung. Manchmal verspricht sich eine Seite von der Gewalt mehr als von einer Vereinbarung. Manchmal wird Diplomatie nicht fortgeführt, weil das eigene Ziel gerade darin besteht, den anderen zu unterwerfen. Zuhören allein schafft deshalb keinen Frieden. Und nicht jede Auseinandersetzung lässt sich auflösen, wenn Menschen nur lange genug miteinander sprechen.


Trotzdem möchte ich mich nicht damit abfinden, dass menschliches Zusammenleben am Ende immer jemanden braucht, der stark genug ist, seinen Willen mit Gewalt durchzusetzen.


Brauchen wir Machtautorität wirklich, um die Welt zu regieren? Oder könnten wir stärker mit Formen von Autorität arbeiten, die aus Erfahrung, übertragener Verantwortung und gemeinsam getroffenen Vereinbarungen entstehen? Autoritäten, deren Auftrag benannt ist. Deren Machtbereich begrenzt bleibt. Die Rechenschaft ablegen müssen. Und deren Entscheidungen überprüft und korrigiert werden können.


Eine viel zu große Frage?


Natürlich lässt sich die Weltgemeinschaft nicht führen wie eine Familie, ein Team oder ein Verein. Und Thomas Gordons Gedanken sind kein fertiger Entwurf für eine friedliche Weltordnung. Vielleicht ist der Bogen, den ich hier spanne, viel zu groß.


Und doch, die Frage nach der Macht beginnt nicht erst zwischen Staaten. Sie begegnet uns auch in Familien, Vereinen, Organisationen und Teams. Überall dort, wo Menschen gemeinsam handeln und entscheiden müssen. Überall dort, wo Unsicherheit entsteht und der Ruf laut wird, nun müsse endlich jemand auf den Tisch hauen.


Welche Form von Autorität wünschen wir uns dann? Wem übertragen wir Verantwortung? Wer ist bereit die Verantwortung tatsächlich zu übernehmen? Wie begrenzen wir sie? Und wie viel eigene Verantwortung geben wir ab, wenn wir nach einem Machtwort verlangen?


Ich habe darauf keine fertige Antwort.


Ich weiß nur, dass ich weiter um die Möglichkeit ringen möchte, Zusammenleben anders zu organisieren: nicht ohne Führung, nicht ohne Entscheidungen und nicht ohne Verantwortung – aber möglichst ohne eine Macht, die Gewalt verursacht oder legitimiert.


Vielleicht ist das angesichts der Geschichte der Menschheit eine sehr große Hoffnung.

Doch vor mehr als tausend Gräbern erscheint mir die Gegenfrage noch viel dringlicher:


Wie viele Menschen sollen noch sterben, nur damit niemand eingestehen muss, nicht der Mächtigere zu sein?

 
 
 

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