Am Feuer erzählen und einander zuhören
- Dr. Verena Müller-Wieprecht

- 25. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Über Resonanz, Zugehörigkeit und das Dasein
Die Glut ist kalt, und doch erzählt sie noch von Wärme.
Im vergangenen Oktober saß ich in der Kalahari an einem Feuer, das längst verloschen ist. Es gehörte zu einem kleinen Bushman-Dorf, das heute Teil eines Freilichtprojekts ist – ein Ort, an dem Besucher erleben können, wie das Leben früher einmal war.

Wir waren an diesem Morgen mit einem Guide unterwegs, dessen Mutter aus einer Buschmann-Familie stammt. Er erzählte, dass er den Ältesten gern zuhört, wenn sie von früher sprechen. Von der Zeit, in der es kein Geld gab, keine Autos, keinen Stress. Von der Ruhe, der Nähe, der Gemeinschaft.
Manchmal, sagte er, sehne er sich danach zurück.
Seine Worte haben mich nicht mehr losgelassen.
Diese Sehnsucht nach dem Ursprünglichen – nach einem Leben, in dem man einfach dazugehört, weil man ist – sie kam mir vertraut vor.
Vielleicht, dachte ich, trage ich eine ähnliche Sehnsucht in mir. Nur mit anderen Erinnerungen.
Erzählen, nicht erklären
Meine Großmutter erzählte manchmal von den Wintern in Pommern.
Vom Sitzen am Feuer, vom Handarbeiten, vom Erzählen, solange noch Licht war. Mein Großvater sprach von Spukgeschichten, von Nachbarn, von Tieren. Die Geschichten standen einfach im Raum. Niemand fragte, ob sie wahr waren. Sie hatten ihren Platz.
Später, nach der Flucht, war das anders.
Wenn die Familie zusammenkam, wurde diskutiert. Die Alten erzählten von der verlorenen Heimat, die Jungen vom Aufbruch in eine neue Zeit. Und plötzlich gab es richtig und falsch, Zustimmung und Widerspruch.
Ich erinnere mich, wie wir Kinder dann einfach aufstanden und spielen gingen – vielleicht, weil der Raum, in dem das Erzählen einfach stehen durfte, schon verschwunden war.
Verlorene Kreise
Am Feuer konnte das, was erzählt wurde, einfach sein.
Heute wollen wir verstehen, einordnen, kommentieren.
Wir suchen Sinn, statt Resonanz.
Vielleicht, weil wir verlernt haben, dass das Lauschen selbst eine Form von Antwort ist.
Das Lagerfeuer war nie nur Wärmequelle. Es war ein Resonanzraum – ein Ort, an dem Menschen sich gegenseitig hielten, ohne sich zu korrigieren.
Vielleicht fehlt uns genau das heute: Orte, an denen wir Geschichten teilen, ohne sie sofort zu deuten.
Orte, an denen wir einfach Mensch sein dürfen.
Wenn das Feuer weiterglimmt
Vielleicht ist die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen gar keine Flucht in die Vergangenheit.
Vielleicht ist sie eine Erinnerung daran, wie Beziehung gemeint ist:
als Kreis, nicht als Linie.
Als Zuhören, nicht als Debatte.
Als Sein, nicht als Beweisen.
Die Glut im roten Sand erinnert mich daran.
Sie ist still. Aber sie spricht.
Wo sind in deinem Leben die Orte, an denen Geschichten einfach stehen bleiben dürfen?
Wo Menschen lauschen, ohne zu antworten – und du spürst: Ich bin Teil von etwas?




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